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Reisebericht und Rückblick Straße der Romanik von Susanne Schmidt mit Bildern von M.F. Eine Reise des Kulturvereins Schongauer Land Die Finsternis der frühen Morgenstunde beim Start am Sonntag wechselte in herbstlichen Nebel, aus dem nach und nach Buschgruppen und Bäume auftauchten, während sich über dieser Märchenlandschaft ein großer, fast abendlich anmutender Sonnenball breit machte. Die verklärende Beschreibung dieser Szenerie ist deshalb nötig, weil bei der Annäherung an unseren ersten Zielort nicht nur ich wehmütig an unser schönes Bayern dachte. Deshalb sage ich: wenn wir schon Windmühlen brauchen, dann
stehen sie gut in dieser weiten, gnadenlos übersichtlichen Landschaft von
Sachsen-Anhalt als majestätische Blickfänger. Doch wir haben uns wegen einer anderen Art von Kultur auf die Straße der Romanik begeben.
Der Dom von St. Peter und Paul – spätromanisch-frühgotisch – mit seinen 2 Lettnern, wovon der östliche der älteste erhaltene Hallenlettner Europas ist, wie uns die gut informierte Führerin erklärte. Die schöne Uta ist wirklich so schön wie auf den Postkarten und glücklicherweise nicht eingerüstet wie ihr Gegenüber Reglindis. Wer Details liebt, kann sich an den Bronzeviechereien auf den Handläufen erfreuen, die der Magdeburger Künstler Heinrich Apel 1972 geschaffen hat. Im eindrucksvollen Domschatz- Gewölbe die Pieta und Lucas Cranach- Gemälde, sowie ein Musterbeispiel der 8 Riesen-Chorbücher, die zum Domschatz gehören. Ein gelungener Auftakt der Reise.
Anschließend hielten sich viele an das noch nicht endgültig
ausformulierte „Elfte Gebot", das da heißen mag: Du sollst Deine Freizeit
genießen und den Wirt nicht über Gebühr strapazieren. Bei der Ankunft in Bernburg mutierte das angekündigte 4-Sterne-Parkhotel zum 3-Sterne- Askania-Hotel, wo allerdings eine diensteifrige Mannschaft von Kofferträgern und der durchgehend freundliche Service uns für das „Downgrading" entschädigten. Auch die Küche überzeugte mit reichhaltigem Frühstücksbuffet und solider Hausmannskost. Was die nächstfolgende Fahrt nach Quedlinburg betrifft, so bleibt für die Annalen des Schongauer Kulturvereins festzuhalten, dass an jenem denkwürdigen 21. September der Versuch zur Gründung eines mobilen Kulturvereinschors hoffnungsvoll scheiterte. Der Text vom Herzog Heinrich am Vogelherd kann aber für Übungszwecke angefordert werden. Um Quedlinburg adäquat zu beschreiben, müsste ich mein Zeitpensum hemmungslos überziehen. Aber ich bin sicher, dass jeder ausreichend eigene Eindrücke von dieser Stadt der Fachwerkbauten mit nach Hause nimmt- auch von der Besteigung des Schlossberges. Festgehalten sei die erstmalige Begegnung mit der „Hölle" in dieser Region, sowie Spezialbegriffe, die uns die quirlige Stadtführerin Frau Weizer erläuterte, wie „Ackerbürgerhäuser", die „Prischen" der Blasiuskirche, oder „Word".
Dringende Empfehlung: wiederkommen am 3. oder 4. Wochenende vor Weihnachten zum Markt in den Höfen.
Und dann, liebe Gäste des Schongauer Kulturvereins, brachte uns Nora Römer ihre Stadt Magdeburg, die Wiege der Deutschen Nation, nahe. Eine Stadt trister Straßenzüge und barocker Bürgerhäuser, attraktiver Elbauen, eines 800 Jahre alten Doms und des märchenhaften Hundert-wasser-Hauses. Und, liebe Gäste des Schongauer Kulturvereins, unvergessen auch der Langzeit-Reaktionstest, den Nora Römer unserem Fahrer Christian abverlangte. Er hat ihn wirklich mit Bravour bestanden. Ja, liebe Gäste des Schongauer Kulturvereins, Otto von Guericke mit seinen 2 Halbkugeln und den Druckluftversuchen ist mit der Geschichte Magdeburgs ebenso eng verbunden, wie der Musiker Georg Philipp Telemann oder Till Eulenspiegel. Die bronzene Rathaustüre gibt diesem neu erworbenen Wissen eine Erinnerungsstütze. Vor dem barocken Rathausbau zeugt ein neuer Roland von alten freien Hansezeiten und das vor rund 750 Jahren entworfene vergoldete Reiterstandbild unterm Baldachin überzeugt auch als Kopie. Ein Unesco-Kulturdenkmal nach dem anderen liegt an unserem Weg durch Sachsen-Anhalt. Geschichte wird greifbar und begreifbar in den von der jüngsten Geschichte radikal reduzierten Städten.
Wir sind inzwischen bei der Schlosskirche von Wittenberg mit ihrem Wasserturm und der Thesentüre angekommen, waren an Cranachs Arbeitsplatz und in Luthers Haus, wo auch seine Gattin, „Herr Käthe", regierte. An der Straße der Romanik lag wieder mal ein Hundertwasser-Haus, eine Schule, die unser Fahrer für uns aufspürte und Christian verhilft uns auch ganz selbstverständlich und geduldig zu dem Sonderausflug ins Bauhaus nach Dessau. Das hat mich persönlich sehr gefreut und auch dafür möchte ich danken.
Ganz frisch noch ist die Erinnerung an Halle, wo wir eingequetscht zwischen Tramgeleisen und flutendem Autoverkehr von der Franckeschen Siedlung und dem Pietismus erfuhren. Wir erlebten die besondere Atmosphäre des Marktplatzes mit seinem Stilemischmasch und konnten sogar das gebrochene Salzlager unter unseren Füßen betrachten.
Kirchentüren und Händelhaus blieben uns verschlossen, aber es öffnete sich die Museumstüre zur Himmelsscheibe von Nebra. Von so manchen erst im zweiten Anlauf entdeckt, strahlte sie uns aus der Finsternis entgegen. Unvorstellbar, dass dieses Teil bereits vor 3600 Jahren eingebuddelt worden ist, ehe es schließlich wieder entdeckt und verschiedenen Interpretationen unterzogen wurde.
Die Zeit eilt. Wir sind in der Bischofs- und Residenzstadt Merseburg angekommen, erfahren hier vor dem prachtvoll renovierten Ständehaus und im Schlosshof viele Einzelheiten aus der wechselvollen Geschichte. Diesen Ort erobern wir zu Fuß, erleben hautnah den Wiederaufbau als wir uns der Neumarktkirche Sankt Thomae nähern. Hier bestaunen wir zum Abschied ein besonders schönes romanisches Stufenportal mit einer bemerkenswerten Knotensäule. 10 Stufen müssen wir hinabsteigen. Ausgegraben, aber auch befreit von der späteren barocken Ausstattung und dem romanischen Taufstein, wirkt der Raum dennoch. Überraschend, wenngleich nicht jeden überzeugend: die moderne Kunstausstattung mit Triptychon und Kreuz des Ehepaars Messerschmitt. Zur Einstimmung auf Zuhause sei von den Eindrücken auf dem langen Rückweg nur die Stadtmauer mit den dreifach tiefen Kellern für die Bierlagerung erwähnt. 270 Brauereien gab es 1824 in Merseburg und 424 Biersorten. Da ist das Oktoberfest nix dagegen. Lassen Sie mich abschließend noch einmal vor das Magdeburger Barockrathaus zurückkehren und eine Analyse wagen. Dort spielte sich ja aktuelle Zeitgeschichte ab. Wahlkampfvorbereitungen der FDP. Das Frühstücksfernsehen bot am Tag danach Ausschnitte aus irgendeiner Wahlveranstaltung, auf der Westerwelle wortwörtlich schwadronierte: „Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen, der die Sache regelt- und das bin ich!" Zitatende. Solche Worte wollte auf unserer Reise keiner aussprechen. Wir hatten keinen Herrn Käthe. Musste in dieser Situation nicht zwangsläufig der Geist der jungen deutschen Geschichte auch unsere Gruppe erfassen? Just 20 Jahre nach der großen „Wir- sind- das- Volk-Bewegung" bei uns eine basisdemokratische Busreisenden-Bewegung initiieren, sozusagen nach dem Motto „Wir machen die Termine!"?
Genug der Ironie. Ich hör’ schon auf. Allerdings in der Hoffnung, dass auch Sie, liebe Mitreisende, den weniger angenehmen Momenten unserer Fahrt jetzt im Abstand eine heitere Seite abgewinnen können. Dass da organisatorisch einiges optimierbar ist – zu dieser Erkenntnis sind ohnehin alle gekommen. Was bleibt, ist eine wunderschöne Reise durch das mir bis dahin unbekannte Land Sachsen-Anhalt. Eine Reise, die die Augen für Vieles geöffnet und große Lust auf mehr Eindrücke aus dieser Region hervorgerufen hat. Deshalb geht ein ganz herzliches Dankeschön an die Ideengeber und Routenzusammensteller, an Dich, liebe Helga und an alle anderen Organisatoren dieser speziellen Reise. Sie war ein Glücksgriff und glücklich können wir uns auch nennen, dass Christian uns bis hierher und bestimmt auch noch ans Ziel so sicher und geduldig kutschiert hat und kutschiert.
stopp
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